Erfahrungsbericht: Über die Lernkurve beim Lernen! oder Warum Scrum die Familien-Kommunikation entspannte?

Ich will nicht behaupten, dass bei uns immer alles perfekt abläuft. Weder das Lernen an sich und auch nicht die Ergebnisse 🙂 Aber für mein Gefühl wird es immer besser. Und damit meine ich den stressfreien Familienalltag trotz notwendigem Lernen. Und die konstant guten, selten mal schlechten und manchmal richtig viel besseren Ergebnisse.

Wir sind, was das Lernen betrifft, eine Corona-Familie! Wie ich das meine? Unsere erste Tochter war in der zweiten Klasse Volksschule als das ganze Drama los ging.

Wie alles kam?

In Österreich hat man sich sehr schnell entschlossen auf Homeschooling umzustellen. Das wurde auch sehr lange beibehalten und über mehr als eineinhalb Jahre immer wieder eingeführt. Auch mein Mann und ich wurden unglaublich schnell in Homeoffice geschickt. Und aus dem Nichtwissen über die Auswirkungen einer Ansteckung haben wir auch unsere beiden jüngeren Mädels auf Homekindergardening umgestellt.

Das war jetzt per se kein Problem. Wir haben ein Haus mit Garten. Konnten uns aus dem Weg gehen und hatten genug Platz für jeden. Also haben wir die Wochentage mit einem gemeinsamen Frühstück begonnen und uns dann getrennt. Die zwei Jüngsten sind ins Wohnzimmer im Dachgeschoss in den Kindergarten. Mein Mann ist mit unserer Älteren in sein Büro zum Homeschooling und Arbeiten, später zum Studieren. Und ich bin in mein Homeoffice.

Unsere Tochter war es aus dem Unterricht davor schon gewohnt mit Wochenplänen zu arbeiten. So hat alles gut geklappt. Da sich die Arbeitsblätter auf die Hauptfächer beschränkten, aber die Fächer Sport, Musik, Werken, Zeichnen oder Religion wegfielen, war sie meist nach zwei Stunden fertig. Dann hängte sie gleich noch die Hausaufgabe an und war für den Tag komplett fertig.

Mein Mann und ich waren darüber ganz froh, mussten wir doch selbst arbeiten, Essen kochen und uns um den Haushalt kümmern. Am Ende der dritten Klasse, als sich auch „Schule“ schlussendlich wieder normalisierte, sie es aber nicht gewohnt, „außerhalb der Schule“, am Nachmittag, etwas zu üben, gelerntes zu festigen. Wir hatten das zwar vor Corona am Anfang der zweiten Klasse begonnen, indem ich regelmäßig ein paar Lernwörter ansagte oder sie Malreihen abfragte. Das machten wir aber nur ein Semester und dann, mit dem Homeschooling, verschmolz alles.

Die „Normalität“ ist in Österreich was die Schule betrifft auch erst recht spät zurückgekehrt. Wir hatten kaum Zeit für eine neuerliche Umstellung. Die vierte Klasse und die erste Probeschularbeit waren so schnell da. Und damit auch die Notwendigkeit zu üben, um Wissen in einer unbekannten Prüfungssituation abrufen zu können.

Das hat uns allen mehr Stress gebracht, als die ganzen Coronamonate davor. Ich weiß nicht warum, aber unsere Tochter wollte außerdem zukünftig in ein Gymnasium gehen. Also waren natürlich auch die Noten wichtig. Das wusste sie zwar, es brachte sie aber nicht wirklich zum Lernen. Sie hatte aber die Jahre davor, auch keine Zeit gehabt es zu „lernen“. Also half ich ihr und moderierte sie durch das Semester. Und auch durch das Zweite. Dann aber schon mit wesentlich mehr Erwartung meinerseits an ihre Selbständigkeit und Eigeninitiative.

Eltern von Zehnjährigen wissen aber, dass ungefähr zu diesem Zeitpunkt auch der hormonelle Umbau beginnt, der im Gehirn und Verhalten Spuren hinterlässt. Grandiose Spuren! Und keine leichte Zeit.

Was ich aber nie machen wollte, war ihr alles abzunehmen. Ihr von A bis Z zu sagen, was sie wann und wie lernen sollte. Ich lernte auch nicht mit. Das wollte und will ich auch nicht. Mein Mann und ich sind beide berufstätig, wir haben drei Kinder. Wir haben keine Zeit mit allen zu lernen. Und ich habe bereits Matura und ein Studium, ich muss das alles nicht mehr lernen. Auch wenn ich manches, oder wahrscheinlich vieles, gar nicht mehr weiß;-)

Was ich gemacht habe?

Stattdessen wollte ich ihr helfen sich das Lernen einzuteilen. Wir haben gemeinsam den Umfang besprochen. Ich hab versucht sie dabei zu unterstützen einen Plan zu machen. Dann habe ich nachgefragt wie es ihr geht? Ich habe gefragt wie weit sie schon ist? Was noch fehlt?

Während der Prüfungszeit von Oktober bis Jänner haben wir beinahe täglich über die Schule bzw. über das Lernen gesprochen.

Das war einfach viel zu viel!

Was meine Tochter gemacht hat?

Meine Tochter muss sich kontrolliert gefühlt haben. Auch wenn ich ihr nicht einfach aufgezwungen habe, was und wann sie lernen sollte, habe ich die Zeit zwischen den Gesprächen so kurz gehalten, dass sie keine Freiheit mehr hatte.

Wenn sie aber mal kurz geübt hatte, merkte man das sofort in tollen Ergebnissen. So dass ich mich einerseits ärgerte, dass sie nicht einfach „von selbst zumindest ein wenig lernte“. Andererseits war ich auch froh, weil ich wusste, dass sie auf jeden Fall genügend Ressourcen für ein Gymnasium hat.

Was wir heute machen?

Im vergangenen Herbst sollte dann diese Reise „weiterführende Schule“ beginnen. Ich bin der Meinung anfangs ist es gar nicht so entscheidend welche Schulform. Es ist der generelle Unterschied im Tempo und der Anzahl der Unterrichtsfächer im Vergleich zur Grundschule. Mir ist schnell klar geworden, dass meine Tochter mehr Freiheit braucht, um die notwendige Verantwortung übernehmen zu können. Ich wollte aber auch nicht das Risiko eingehen, dass sie erst in ein paar Jahren weiß, wie „es“ geht. Ich hatte schon einmal zu wenig und dann zu viel gemacht.

Ungefähr ein Jahr vorher hatte ich beruflich, neben meinen klassischen Projektteams, zwei Scrum Teams übernommen. Konkret in der Rolle als Scrum Master. Meine Aufgaben als Scrum Masters bestehen darin, das Scrum-Team bei der Umsetzung agiler Prinzipien zu unterstützen, den agilen Prozess zu optimieren und die Bildung eines selbst organisierten Teams zu fördern. Das oberste Ziel eines Scrum Masters ist es, sich selbst überflüssig zu machen.

Irgendwann kam dann der Gedanke, dass es zuhause nichts anderes ist. Ich möchte meiner Tochter helfen durch agiles Lernen auf neue Aufgaben reagieren zu können und selbst organisiert statt fremdgesteuert zu Lernen.

Lernfenster – der Rahmen

Als erstes haben wir über fixe Lerntage und die Lerndauer gesprochen und folgendes vereinbart:

  • In einer „normalen Woche“ macht sie vier Lerntage, in einer „Prüfungs-Woche“ sechs.

Eine „Prüfungs-Woche“ ist eine Woche in der es eine Schularbeit, einen Test, eine Ansage, ein Referat oder ähnliches gibt.

An welchen Tagen sie ihre Lerntage macht, hätte ich ihr eigentlich frei gelassen. Im Gespräch wollte sie aber von sich aus Tage festlegen. Also hat sie sich überlegt, wann lernen für sie gut passt. Ihr Vorschlag war, die Tage an denen sie NachMi geht, dafür nicht zu nehmen. Perfekt!

  • Die Menge haben wir auch besprochen. Wir haben 50min, also eine Unterrichtsstunde ausgemacht.

Wobei ich jetzt nach einem Jahr sagen, kann: Die Dauer war selten ein Thema. Zu den Prüfungszeiten ist ja oft für mehrere Fächer gleichzeitig zu lernen. Da hat sie dann meist im Rad 20-10-20-10-20min… Lernen-Pause-Lernen… auch mehr gemacht.

Ihr Kalender – die Basis

Nachdem aber immer wieder die Diskussion über das „ich muss soviel lernen“, „ich habe keine Zeit“ aufkam, hab ihr dann noch einen tollen Wochenkalender designt. Ich hätte natürlich auch einfach losziehen und einen kaufen oder im Internet bestellen können. Das ist aber Massenware.

Ich wollte stattdessen einen Kalender, der alles für sie Wichtige und nichts Unnötiges beinhalten. Sie sollte Platz haben für ihre Aufgaben und Hobbies, ihre Schulstunden und vor allem auch die wirklich freie Zeit sehen.

An den Wochentagen habe ich die „Aufsteh- und Frühstückszeit“, den Stundenplan, die NachMi-Zeiten und ihre privaten Kurse gleich eingetragen. Aber auch die Fahrtzeit die sie für den Hin- und Rückweg zur Schule braucht steht drin. Dann noch unsere übliche Familienabendessens- und die zu-Bett-geh-Zeit. Samstags und sonntags sind wir nicht fix verplant, an den Wochenenden steht also nichts drin. Die Feiertage, Ferien, schon geplante Urlaube oder Übernachtungen bei den Großeltern und Geburtstage habe ich auch gleich eingetragen.

Unter den Stundenzeilen in jeder Tagesspalte gibt es dann noch drei Felder: eins für „Termine“, eins für „Was ist zu tun:“ und eins für „Und …“.

Und dann hat der Kalender natürlich noch ein paar nette Sticker zum Thema Schule und Freizeit bekommen und ganz viel von ihrer Lieblingsfarbe. Er sollte ja auch ins Zimmer passen. Den Kalender für das erste Semester habe ich dann tatsächlich auch in einem Copyshop auf etwas dickerem Papier drucken und spiralisieren lassen.

Die Vereinbarung – beiderseitig

Der Kalender sah richtig schick aus. Damit ausgestattet habe ich einen Zeipunkt gesucht, der für uns beide passte.

Tipp am Rande 😉
Zwingt keine Gespräche auf, sondern fragt! So wie bei Erwachsenen, hilft es auch bei Kindern ungemein, wenn das Gegenüber nicht gerade bei etwas gestört wurde und in Gedanken immer noch dabei ist.

Wir haben uns also zusammengesetzt, ich habe ihr den Kalender gezeigt und erklärt. Und ihr folgende Vereinbarung vorgeschlagen:

  • Sie trägt ab jetzt alle Prüfungs- und Abgabetermin dort ein.
  • An einem fixen Tag ihrer Wahl setzten wir uns zu einen ausgemachten Zeitpunkt zusammen
    • Als erstes erzählt sie mir, was sie in der Woche davor gemacht/gelernt hat. Unser Sprint Review.
    • Danach besprechen wir ob das ausreichend, zuwenig oder sogar schon etwas vorgreifend war und wie es ihr und mir gegangen ist. Das ist unsere Sprint Retrospective.
    • Als letzten Schritt schauen wir uns an, was in der kommenden Woche zu tun ist und sie trägt die Aufgaben in den Kalender ein. Unser Sprint Planning.
  • Unter der Woche mische ich mich dafür nicht ein. Sie hat ja ihren Kalender um nachsehen zu können. Das ist ihr Daily.

Sie wollte dann auch gleich loslegen und hat alle bekannten Schultermine in den Kalender eingetragen. Also Schularbeiten, Tests, Referate, … alles.

Wenn sie neuen Termin erfährt, trägt sie die dazu ein. Das geht natürlich nicht immer von selbst. Aber wenn ich sagen, „komm trag den Termin schnell in deinen Kalender ein„, dann ist das meist kein großes Thema. Und wenn ich es etwas positiver gestalten muss, habe ich meist irgendeinen privaten Termin in Hinterkopf, den sie auch gleich mit rein schreiben kann, wie „übrigens, in zwei Wochen kommt eure Cousine, willst Du das nicht auch gleich reinschreiben?„.

Für unsere Hauptevents haben wir uns auf Sonntag Nachmittag/Abend geeinigt.

Mich bis zum nächsten Sonntag nicht einzumischen schaffe ich meist gut. Inhaltlich ist ja alles geklärt. Und ein kurzes Erinnern, im Sinne von „hast du schon einmal auf deinen Kalender geschaut“ ist für meine Tochter auch ok bzw. hat sie das sogar selbst eingefordert. Wenn Sie dann aber nichts macht, ist es für mich auch ok und ich sage nichts weiter.

Im Laufe des Schuljahres haben wir dann noch festgestellt, dass es hilfreich ist, wenn wir Samstag und Sonntag ein gemeinsames Daily machen. Nach dem gemeinsamen Frühstück überlegt sich meine Tochter wann sie welche, anstehende Aufgabe machen will. Englisch Vokabel zum Beispiel nach dem Mittagessen und Mathematik vor dem Abendessen. Grundsätzlich akzeptiere ich ihre Planung. Hier, wende ich aber doch manchmal ein, „wenn Du die Vokabel jetzt gleich lernst, dann eine Vormittagspause machst und um elf Mathe machst, bist Du vor dem Mittagessen mit allem fertig und brauchst den ganzen restlichen Tag nicht mehr daran denken“ Immer öfter sieht sie meine Vorschläge als wertvolle Idee und ändert ihren Plan.

Natürlich war jetzt nicht alles von heute auf morgen gut. Die eine oder andere Meinungsverschiedenheit entwickelte sich trotzdem zum Konflikt. Und es gab auch die eine oder andere schlechte Note.

Die Diskussionen und Streitgespräche wurden aber immer weniger. Positive Ergebnisse bestätigten den Einsatz und Erhöhten die Motivation beim nächsten Thema. Die Kommunikation ist jetzt viel mehr ein Sagen und Nehmen und, wenn nicht, ein Akzeptieren.

Die Schriftlichkeit der Aufgaben, der fixe Platz für Kommunikation generell und die Kommunikation über den Lernfortschritt sind die Basis für diese Entwicklung.

Nimm dir Zeit, um gemeinsam mit deinem Kind über die erreichten Ziele und Herausforderungen zu sprechen. Identifiziert zusammen, was gut funktioniert hat und was verbessert werden kann. Diese Reflexion hilft nicht nur dabei, den Lernprozess zu optimieren, sondern stärkt auch das Selbstbewusstsein und die Selbstreflexionsfähigkeit deines Kindes.

Agilität als Familienkonzept

Ich schreibe hier bewusst in der Ich-Form. Das bedeutet aber nicht, dass nur ich unserer Kinder unterstütze, wir machen im Grunde alles gemeinsam bzw. beide alles. Beim Lernen haben wir aber tatsächlich eine thematische Trennung. Mein Mann kümmert sich um Mathematik und, wenn notwendig, auch um Geografie und Biologie. Ich unterstütze bei Deutsch und Englisch. Das hat sich so ergeben und passt für uns sehr gut. Diese Aufteilung können wir aber auch nicht immer halten. Es kommt schon mal vor das einer von uns zum Beispiel auf Dienstreise ist, aber gerade für eine Schularbeit oder einen Test in dem Fach zur Unterstützung notwendig wäre. Auch da hat uns die Methode geholfen. Es ist ja vorab schon alles besprochen.

Ich denke, bei unserer beiden jüngeren, werde ich die selbe Art die Woche zu organisieren gleich ab dem nächste Schuljahr beginnen. Auch wenn sie in der zweiten und dritten Volksschule noch keine Tests oder Schularbeiten haben. Es gibt aber Aufgaben die zu erledigen sind und so können sie sich mit wenigen und inhaltlich einfachen Aufgaben langsam an eine schulische Selbstorganisation herantasten.

Wie löst Du das Thema „Lernen“ in Deiner Familie?

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